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Veilchengedichte

Karsch, Anna Louisa (1722- 1791)

An den jungen Lenz


Du junger Frühling kommst herab
Vom Schöpfer, um ganz neues Leben
Geschöpfen in die Hand zu geben.
Das Blumen-Volk verläßt sein Grab,
Und mit empor gehobnen Haupte
Beschämt es den, der keinen Gott
Und für dich selbst Vernichtung glaubte.

Der Vogel wiederspricht des Wiedersprechers Spott.
Die Saat mit Millionen Zungen
Aus schwarzer Erd herauf gedrungen
Bestätiget, was er gesungen!
Der Linde Blätter lispeln nach;
Die Elbe rauscht und murmelnd spricht der Bach:
"Es ist ein Gott, der laue Winde schickte,
Den Schnee zerschmolz, das Eis zerbrach,
Mit jungem Grün das Ufer schmückte
Und diese Sonne scheinen läßt!"

Nach sanft gefallnem Frühlingsregen
Quackt der erweckte Frosch sein Fest,
Und Fische scherzen ihr entgegen!
Der Hirt heißt seine Heerde leben!
Sie weidet jugendliches Graß,
Blöckt ihre Freuden laut, und hört ohn Unterlaß
Sich Thal und Hügel Antwort geben!

Die Honigträgerin verläßt ihr kleines Haus
Und saugt den Veilchen, wenn sie düften,
Die Süßigkeit des kleinen Kelches aus.
Die Schwalbe kommt aus Sumpf, wie aus verschloßnen Grüften
Einst unsre Leiber neu hervor,
Sie baut ihr Haus von Stroh und fetter Erde,
Und zwitschert froh dem Menschen vor,
Daß er auch wieder leben werde!
Hoch in der Wolken lauschend Ohr
Singt mit nie heisch gewordner Kehle
Das aufgeschwungne Lerchenchor.

O daß der Jäger sie verfehle!
O daß der Habicht, ihr Tyrann,
Der Räuber in dem Vogelreiche,
Nicht eine hasche! daß die Lerch ihm klug entweiche,
Wie vor dem Laster weicht, ein Christ, ein weiser Mann!

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